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EMU - Evidenzbasierte Methoden der Unterrichtsdiagnostik und -entwicklung

Hört man das Wort EMU, denkt man zunächst an den Strauß-ähnlichen Vogel. Wenn es um Unterrichtsentwicklung geht, kommt man zu einer nicht so naheliegenden Bedeutung:  Hier steht EMU für Evidenzbasierte Methoden der Unterrichtsdiagnostik und -entwicklung.

Hinter diesem sperrigen Titel verbirgt sich ein Konzept zur Verbesserung der Unterrichtsqualität auf der Grundlage von kollegialen Hospitationen, welches im Auftrag der deutschen Kultusministerkonferenz von einem Bildungsforscherteam aus Koblenz unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Helmke und Dr. Tuyet Helmke entwickelt wurde.

In der Schulpraxis sieht dieses Konzept vor, dass jeweils zwei Kollegen sich gegenseitig im Unterricht besuchen und anhand von klaren Kriterien den Unterricht aus verschiedenen Perspektiven beurteilen: Der unterrichtende Lehrer schätzt seinen Unterricht selber ein, der hospitierende  Lehrer beurteilt den besuchten Unterricht und auch die Schüler geben ihre Einschätzung ab.

Anschließend treffen sich die beiden Lehrer zu einem Feedback-Gespräch. Gemeinsam wird die Stunde auf der Grundlage der ermittelten Daten reflektiert. Im Fokus stehen hier vor allem die unterschiedlichen Einschätzungen: so kann es z.B. durchaus vorkommen, dass der Lehrer, der unterrichtet hat, das Lernklima angenehm fand, der besuchende Lehrer und die Schüler dies jedoch anders sehen. Im Gespräch geht man den Ursachen für die unterschiedlichen Einschätzungen auf den Grund, lernt die Ansicht des Kollegen kennen, reflektiert über die Vorstellungen der Schüler – Gespräche, die im Schulalltag oft keinen Platz finden.

Im kollegialen Rahmen findet so ein Austausch über didaktische Konzepte statt, eigene Vorstellungen guten Unterrichtens werden überprüft und gegebenenfalls angepasst – was in einer weiteren Unterrichtshospitation überprüft werden kann - Unterrichtsentwicklung im besten Sinne.

Die Kriterien des Unterrichtsbesuchs sind dabei nicht beliebig, sondern leiten sich aus den Ergebnissen  der Hattie-Studie ab, die seit 2008 weltweit für Aufsehen sorgt. In einer Meta-Studie hatte der neuseeländische Bildungswissenschaftler John Hattie sämtliche englischsprachigen Studien zusammengefasst, die sich mit Unterrichtsqualität beschäftigt haben und wertete so über 50.000 Studien mit mehr als 250 Millionen teilnehmenden Schülern aus. Ergebnis dieser Mega-Studie ist eine Liste mit Faktoren, die sich positiv auf den Lernprozess auswirken.

Indem die Kriterien bei EMU von Hattie abgeleitet werden, soll sichergestellt werden, dass die Unterrichtsreflektion nicht aus einem „Bauchgefühl“ heraus vorgenommen wird, sondern sich auf wissenschaftlich nachweisbare Faktoren guten Unterrichtens bezieht.

Bereits 2016 hat die Deutsche Schule Rio de Janeiro erste Versuche mit EMU gemacht und in diesem Jahr nun EMU als zentrales Werkzeug der Unterrichtsentwicklung fest verankert – was auch in der Laudatio zum deutschen Schulpreis lobend erwähnt wurde.

Vom 17. bis 19. Oktober folgte Dr. Tuyet Helmke, eine der Entwicklerinnen von EMU, der Einladung der Deutschen Schule Rio de Janeiro und führte eine dreitägige Fortbildung zum Thema EMU an unserer Schule durch, zu der auch die deutschen Schulen in São Paulo Teilnehmer geschickt hatte.

Zudem traf Frau Helmke sich an einem weiteren Tag mit den didaktischen Leitungen der beiden Zweige, um unsere EMU-Praxis auf den Prüfstand zu stellen und noch besser an unseren Schulalltag anzupassen – mit wertvollen Impulsen für unsere Schule.

Wer mehr über EMU wissen will, findet weitere Informationen unter www.unterrichtsdiagnostik.info. Wenn man auf die brasilianische Fahne klickt, findet man auch die Dokumente, die von der  Deutschen Schule Rio ins Portugiesische übersetzt wurden.